
Foto: Jeannette Kummer, www.erdgeschoss.net
Anbei eine Zusammenfassung des Abends von Franz Kotteder in der Süddeutschen Zeitung
Die Silvester-Revue im ‘Vereinsheim’ befasste sich dieses Mal mit der ‘Odyssee’
München – Odysseus ein Halbgott? In der Schwabinger Kleinkunstkneipe Vereinsheim weiß man es besser – er ist ein Viertelgott und teilt sich auf vier Personen auf: Erwin O., Mikis-Otto, Jorgos-Otfried und Panos-Ottokar Dysseus. Diese Erkenntnis ist weniger der Mythologie zu verdanken als dem Umstand, dass vier Hauptdarsteller eine Rolle brauchten. Zum vierten Mal lud das Vereinsheim zur komischen Silvester-Revue, bei der es unter anderem auch um aktuelle Entwicklungen in Schwabing und der Welt geht. Diesmal als vier Odysseuse zugange: Kabarettist Georg ‘Grög’ Eggers, Moses Wolff und Michael Sailer von der sonntäglichen Lesebühne ‘Schwabinger Schaumschläger’ sowie Kleinkunstveranstalter und Vereinsheim-Chef Till Hofmann. Der Kabarettist Sven Kemmler fungierte als Erzähler und gab sich redlich Mühe, dem Ganzen einen würdigen Rahmen zu verleihen: ‘Unseren neuen Zuschauern sei gesagt: Auch wir wissen nicht, was heute Abend hier vorgeht.’
Damit ist das Geschehen ganz gut umschrieben. Es geht um Mama Dysseus mit ihren Schratzen, die vom Immobilienhai Hektor aus ihrer Schwabinger Wohnung gekündigt wird, weil kinderreiche Asoziale nicht zur Yuppie-Hausgemeinschaft passen. Und es geht um Petra Nelope, die seit 20 Jahren auf ihre vier Männer wartet. Beide Sagengestalten werden von der hinreißend komischen Marlene Morreis als bayerische Sumpfpflanze gespielt, ihr zur Seite steht als Göttin A.Thene Nachwuchstalent Sarah Yusuf, die sonst im Lustspielhaus kellnert.
Die Handlung? Lehnt sich locker an die bekannte Geschichte an, ist aber auch nicht so wichtig. ‘Grög’ hat ein schönes Solo über das MVV-Tarifsystem sowie ‘Zonenbräute und Ringschwestern’, als die vier mit der S-Bahn nach Ithaka fahren. Und die Zauberin Zirze ist in Wirklichkeit eine Bankberaterin, die den vier Reisenden so viele Derivate und Finanzobligationen andreht, bis sie endgültig zu Schweinen geworden sind.
Das Ganze ist selbstverständlich ein Schmarrn, aber ein schöner. Und so ist es kein Wunder, dass die Silvester-Revue jedes Jahr schnell ausgebucht ist. Der Reiz ist: Gerade so mag die Boheme vor hundert Jahren gefeiert haben – mit viel Geblödel, Spiellust, Witz und Improvisationsfreude. Letztlich kommt dabei doch immer was heraus. Und wenn es nur der Rat ist, den Kemmler am Ende dem Publikum mit auf den Weg gibt: ‘Nehmen Sie das hier zum Anlass, nächstes Jahr auch einmal etwas zu tun, was Sie nicht können.’
Franz Kotteder, Süddeutsche Zeitung