
… wird von der Süddeutschen Zeitung öffentlich gemacht. So eile ich, wie man sieht, um sie dem geneigten Leser nicht vorzuenthalten (Foto: Tom Garrecht).
Hier nun die vollständige Kritik der Premiere des neuen Programms. Ich persönlich möchte dem aus vollem Herzen hinzufügen: Juchu!
Glänzend – Sven Kemmler in der Lach & Schieß
München – In sein erstes moralisches Dilemma ist Sven Kemmler als Bub geraten. Er lieh sich von der Nachbarin, die alle Pumuckl-Platten besaß, eine Folge aus. Als er sie zurückgeben sollte, behauptete er dreist: „Das ist meine.“ Hinterher plagten ihn Schuldgefühle. Da hat der Münchner Kabarettist zum ersten Mal gemerkt, dass er aus zwei Personen besteht, die nicht dasselbe wollen. Weshalb er in seinem neuen Programm „MoralCarpaccio“, das er jetzt in der Lach- und Schießgesellschaft vorstellte, dem Publikum auch als gespaltene Persönlichkeit entgegentritt.
Da ist zum einen der Moralist Sven Kemmler, der gerne seine herzzerreißende Geschichte vom Leben und Sterben des Kongolesen Jonas Sawimbi erzählen möchte. Da ist zum anderen der kühl kalkulierende Manager Sven Kemmler, der für die Gage zuständig ist und ersteren daran erinnert, dass das Publikum „unterhalten“ werden und keine moralinsauren Schicksalsstories hören möchte.
– Was Kemmler macht, nennt er privatpolitisches Kabarett –
Wie sich die beiden Figuren im Verlauf des Abends immer wieder gegenseitig in die Parade fahren, ist aller Ehren wert. Und bringt letztlich das hervor, was Kemmler privatpolitisches Kabarett nennt: Politisch brisante Themen, von der Wirtschaftskrise über Panzerverkäufe an Saudi-Arabien bis zur Krise der FDP, werden gekonnt angerissen, die Conclusio jedoch wird verweigert. Der Besucher ist gezwungen, sich seinen eigenen Reim darauf zu machen, und während er damit beschäftigt ist, ist Kemmler bereits auf das moralisch vermeintlich weniger verfängliche Feld des Alltags hinübergewechselt. Schließlich sitzt ihm sein innerer Manager im Nacken, permanent das Zauberwort „Unterhaltung“ flüsternd.
Und so erzählt uns Sven Kemmler die Geschichte von Romeo und Julia als urkomische Facebook-Version oder geht mit der Werbung ins Gericht, die uns einreden will, unsere Körper seien Stinkbomben. Dabei lächelt er immer ganz lieb. Höhepunkte des Programms: Das Gedicht „Vorglühen“ mit dem weisen Reim „Sich besaufen, um sich dann zu betrinken, ist wie zur Begrüßung schon Abschied zu winken.“ Sowie der sinnfreie Auftritt des Samurais Yamamoto, der uns den Pumuckl „erklärrt“: „Der Pmuckl libe die Schmütz.” Und die Moral von der Geschicht: Verpasst mir den Sven Kemmler nicht!
Florian Welle, Süddeutsche Zeitung vom 23.09.2011
