Auf mehrfach geäußerten Wunsch folgt hier das Gedicht „Vorglühen“, das im neuen Soloprogramm seinen verdienten Platz finden wird. Um es zu Hause nachlesen zu können, für erzieherische Zwecke oder auch nur zur allgemeinen Erbauung und in der Hoffnung, es möge helfen.
Vorglühen
„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus.“
Soweit Rilke und das muss manchmal raus,
zu viel ist Beginn und das Ende ist fort.
So war es schon immer der Dinge Brauch:
Erst brennt das Feuer, mit Flamme und Rauch;
dann glüht die Glut und das Grillgut zischt;
gefolgt von der Asche, wenn alles erlischt.
Doch heute ist’s anders und falsch und versaut;
und ich meine es dringend und sage es es laut:
Warum muss man heute
statt mit seiner Meute,
gemeinsam zu brennen mit heißem Bemühen
erst noch vorglühen?
Man kann sich nicht einfach zusammen betrinken,
erst brennen, DANN glühen, dann vom Barhocker sinken.
Nein, man muss sich vor dem Saufen
schon vollaufen
oder vor-volllaufen lassen.
Das muss man doch hassen.
Beginnen wir doch mit der Vorsilbe „vor“.
Wie sieht denn Glühen vorm Glühen aus?
Es passt hier nicht, dieses „vor“ davor!
Und wenn was nicht passt, dann lasst es doch raus.
Das Vorspiel ist bei Hunden
und Missionaren nur eine Vorstellung.
Stigmata sind keine Vorwunden
und ein blauer Fleck höchstens Nachprellung.
Keine Treppe hat Vorstufen.
Kein Schrei ist zum Vorrufen.
Und wer rotzhacke saufen geht,
vor dem ersten Bier kaum noch steht,
ist sicherlich seiner Zeit voraus,
ganz weit voraus.
Aber betrunken erscheinen, um sich dann zu betrinken,
ist wie zur Begrüßung zum Abschied zu winken.
So war es schon immer der Dinge Brauch:
Erst brennt das Feuer, mit Flamme und Rauch;
dann glüht die Glut und das Grillgut zischt;
gefolgt von der Asche, wenn alles erlischt.
Vorglüher lauschet, bevor’s brodelt und zischt,
bevor ihr verfrüht wieder Bull Vodkas mischt.
Im Aus geht’s nicht weiter,
ihr seid am Abgrund Vorreiter.
Mit einem Pferd unterm Arsch aufs Pferd steigen,
ist auch reiten, aber wer reitet dann wen?
Da müssen doch Sinn und Sinne entgleiten.
Ich kann und ich will es verdammt nicht verstehn.
Ich hab Freude am Wein, am Bier und am Rausch,
die Nacht zu begießen, die Zungen im Flausch.
Schön war mir immer, zusammen zu sitzen
und Glas um Glas in der Sinnsauna schwitzen.
Zum Ende ein Whisky war der Nachbrenner,
das Vorglühn’ der Kenner,
also die Nachglut; und die war die Vorhut des Nachspiels;
und nach dem Spiel war vor dem Spiel
oder zuviel
und heute ist vor dem Spiel schon nach dem Spiel.
Wie viel ist da gewonnen?
Es gibt zwischen Kiel und den Balearen
zunehmend vorglühend Leid zu erfahren.
Noch bis letztes Jahr war ich mir nicht im Klaren:
Man muss heut besoffen zur Wiesn fahren.
Aber zu trinken, um dann auf die Wiesn zu gehen,
das ist doch wie Selbstmord, um dem Tod zu umgehn.
Ich sitz morgens um 9 am Sendlinger Tor
mit Vorglühern und stell mir sie nachmittags vor.
Schau die bedirndlnten Madln, die frechen,
die sich zwischen zwei Küssen herzhaft erbrechen.
Und sie suchen die Vorglüh-Burschen, die kecken,
die den sauren Geschmack schon lang nimmer schmecken.
Es war doch immer der Dinge Brauch:
Erst brennt das Feuer, mit Flamme und Rauch;
dann glüht die Glut und das Grillgut zischt;
gefolgt von der Asche, wenn alles erlischt.
Verdammt, ich weiß mit dem Feuer zu ringen.
Da gibt es Sitten, die lohnt sich’s zu wahren.
Brände muss man zum Wasser bringen.
Aber doch bitte nicht glühen, um Kohle zu sparen.
Und so wie die Abende heute ablaufen,
endet der Anfang im Komasaufen.
Doch ist das als Schlusspunkt der falsche Weg:
ein Badesteg
zum Land gewandt,
das Ziel verkannt.
Man trinkt doch letztlich, um sich zu enthemmen,
um ästhetische Nachteile sanft auszuschwemmen,
und fröhlich und tapsig in der Hitze zu rühren
und sich dann zu verführen,
notfalls mit Lallen über sich herzufallen,
dionysisch getrübt nach Herrengedecken,
die Freuden der weiblichen Lenden zu schmecken.
Doch es gibt, und das sollte euch ernstlich bedrücken,
Freunde des Vorglühns, KEIN Komaficken!
Koma ist Nichts, Niente, Kein.
Im Koma bleibt man immer allein.
Grade beim Koma, induziert von der Flasche,
bleibt der Phoenix garantiert in der Asche.
Im Koma bleibt man zurückgeblieben,
denn Koma ist Amok rückwärts geschrieben.
Und tatsächlich gemein ist den Amokläufern,
es handelt sich nicht bei allen um Säufern,
aber traut man sich, Amok ins Auge zu schauen,
sieht man viel Durst, doch es fehlen die Frauen.
So war es richtig, der Dinge Brauch:
Erst brennt das Feuer, mit Flamme und Rauch;
dann glüht die Glut und das Grillgut zischt;
gefolgt von der Asche, wenn alles erlischt.
Vorglüher, es wir Zeit, dass ihr’s rafft,
sogar der Papst hat die Vorhölle abgeschafft.
Und was den Wundern der Liebe der elende Puff,
das macht ihr mir aus dem herrlichen Suff.
Und wierum auch immer man dieses Blatt wendet,
es wird mit Rilke vor- und nachgeendet.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen, hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: Sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
